Der Entwicklungsprozess eines Kunststoffteils

Von der Idee bis zur Serienfertigung

Die Entwicklung eines Kunststoffteils ist weit mehr als die Konstruktion eines 3D-Modells. Sie ist ein systematischer Engineering-Prozess, bei dem technische Anforderungen, Werkstoffe, Fertigungstechnologien und wirtschaftliche Aspekte miteinander in Einklang gebracht werden.

Während sich das fertige Bauteil später oft durch seine Funktion definiert, wird seine Qualität bereits lange zuvor festgelegt. Entscheidungen in der Konzept- und Entwicklungsphase beeinflussen nicht nur die technische Leistungsfähigkeit, sondern auch Werkzeugkosten, Produktionszeiten, Montageaufwand und die langfristige Zuverlässigkeit des Produkts.

Aus diesem Grund sollte die Entwicklung eines Kunststoffteils immer als ganzheitlicher Prozess betrachtet werden.

Die einzelnen Entwicklungsphasen im Überblick

Infografik zum Entwicklungsprozess eines Kunststoffteils – von der Anforderungsanalyse über Konstruktion, DFM und Werkzeugbau bis zur Serienfertigung

Ein typisches Entwicklungsprojekt gliedert sich in mehrere aufeinander aufbauende Schritte:

Anforderungen definierenMaterial auswählen Konstruktion erstellenDFM-Optimierung WerkzeugbauPrototypen und BemusterungValidierung & PrüfungSerienfertigung

Jede Phase baut auf der vorherigen auf. Fehler oder unvollständige Entscheidungen wirken sich häufig auf alle nachfolgenden Entwicklungsschritte aus und führen zu höheren Kosten oder Verzögerungen.

1. Anforderungen verstehen

Am Anfang jeder Entwicklung steht die Analyse der Anforderungen. Dabei geht es nicht nur um die reine Funktion des Bauteils, sondern um sämtliche Randbedingungen, denen das Kunststoffteil während seines gesamten Lebenszyklus ausgesetzt ist.

Zu den wichtigsten Fragen gehören:

  • Welche Aufgabe übernimmt das Bauteil?
  • Welche Kräfte wirken auf das Bauteil?
  • Welche Temperaturen treten auf?
  • Besteht Kontakt mit Chemikalien oder Reinigungsmitteln?
  • Ist UV-Beständigkeit erforderlich?
  • Muss das Bauteil elektrisch isolierend oder leitfähig sein?
  • Welche Brandschutzanforderungen gelten?
  • Welche Lebensdauer wird erwartet?
  • Welche Stückzahlen sind geplant?

Je genauer diese Anforderungen definiert werden, desto zielgerichteter lassen sich Material und Konstruktion auswählen.

Gerade bei technischen Kunststoffteilen zeigt sich häufig, dass mechanische Belastung, Temperatur und chemische Beständigkeit gleichermaßen berücksichtigt werden müssen. Die Werkstoffauswahl sollte deshalb immer auf den späteren Einsatzbedingungen basieren.

2. Auswahl des geeigneten Werkstoffs

Die Materialauswahl gehört zu den wichtigsten Entscheidungen der gesamten Produktentwicklung. Kunststoffe unterscheiden sich erheblich hinsichtlich ihrer mechanischen Eigenschaften, Temperaturbeständigkeit, Maßhaltigkeit, Chemikalienbeständigkeit und Verarbeitbarkeit.
Ausführliches Kapitel zum Thema Materialauswahl >>

Grundsätzlich lassen sich Thermoplaste in drei Gruppen einteilen:

Übersicht technischer Kunststoffmaterialien von Standard bis Hochleistungsthermoplaste nach Eigenschaften und Einsatzbereichen
Einteilung in Standard-, technische und Hochleistungsthermoplaste

3. Konstruktion des Kunststoffteils

CAD-Konstruktion eines kundenspezifischen Kunststoffgehäuses für den Spritzguss im 3D-CAD-System

Erst nachdem die Anforderungen und der Werkstoff feststehen, beginnt die eigentliche Konstruktion.

Dabei geht es nicht darum, möglichst komplexe Geometrien zu entwickeln, sondern möglichst einfache, robuste und fertigungsgerechte Lösungen zu finden.

Je früher diese Aspekte berücksichtigt werden, desto weniger Änderungen sind später notwendig.

Eine gute Konstruktion berücksichtigt unter anderem:

Wird das Kunststoffteil Bestandteil einer kompletten Baugruppe, berücksichtigen wir die angrenzenden Komponenten bereits während der konstruktiven Entwicklung. Dabei können wir nicht nur das Kunststoffteil, sondern auch Komponenten wie Folientastaturen, Silikonschaltmatten, Displays, Leiterplatten, Kabelkonfektionen oder Steckverbinder kundenspezifisch entwickeln und fertigen.

Gehäuse, Bedienelemente und elektromechanische Komponenten werden konstruktiv aufeinander abgestimmt. Einbauräume, Befestigungspunkte, Kabelführungen, elektrische Schnittstellen, Dichtkonzepte und Montageprozesse können so bereits während der Entwicklung berücksichtigt werden.

Auf Wunsch übernehmen wir anschließend auch die Montage und Prüfung der kompletten Baugruppe. Dadurch entstehen technisch aufeinander abgestimmte Komponenten und eine seriengerechte Gesamtlösung. Die Bündelung von Entwicklung, Fertigung und Montage reduziert Schnittstellen und ermöglicht gleichzeitig wirtschaftliche Skaleneffekte entlang der Lieferkette.

4. Design for Manufacturing (DFM)

Konstruktionsanalyse eines Kunststoffgehäuses mit Wandstärkenanalyse und Entformungsschrägen im CAD-System

Nach Abschluss der ersten Konstruktion folgt die fertigungstechnische Optimierung.

Dieser Schritt wird häufig unterschätzt, gehört jedoch zu den wichtigsten Maßnahmen innerhalb der Produktentwicklung.

Beim Design for Manufacturing (DFM) wird geprüft, ob sich das Bauteil wirtschaftlich herstellen lässt.

Bereits kleine konstruktive Änderungen können Werkzeugkosten reduzieren, die Zykluszeit verkürzen und die Bauteilqualität verbessern. Deshalb sollte eine DFM-Analyse vor dem Werkzeugbau zum Standard jedes Entwicklungsprojekts gehören.

Typische Prüfpunkte sind:

  • Wandstärken
  • Materialanhäufungen
  • Entformung
  • Fließwege
  • Anspritzpunkte
  • Werkzeugaufbau
  • Toleranzen
  • Kühlung
  • Zykluszeit
  • Materialverbrauch

5. Werkzeugkonstruktion

3D-CAD-Modell eines Spritzgusswerkzeugs mit Schiebern, Kernzügen und Werkzeugkomponenten für die Kunststoffteilefertigung

Erst wenn die Konstruktion freigegeben wurde, beginnt die Entwicklung des Spritzgießwerkzeugs.

Das Werkzeug bestimmt später maßgeblich:

  • Oberflächenqualität
  • Maßhaltigkeit
  • Zykluszeit
  • Entformung
  • Lebensdauer
  • Wartungsaufwand

Während der Werkzeugkonstruktion werden unter anderem folgende Punkte festgelegt:

  • Trennebene
  • Kavitätenanzahl
  • Anspritzsystem
  • Heiß- oder Kaltkanal
  • Kühlung
  • Auswerfersystem
  • Schieber
  • Kernzüge

Eine gute Werkzeugkonstruktion ermöglicht eine stabile Serienproduktion mit reproduzierbarer Qualität.

6. Prototypen und Bemusterung

Vor dem Serienstart werden Musterteile gefertigt.

Je nach Entwicklungsstand kommen unterschiedliche Verfahren zum Einsatz:

  • 3D-Druck
  • CNC-Bearbeitung
  • Weichwerkzeuge
  • Aluminiumwerkzeuge
  • Serienwerkzeuge

Während der Bemusterung werden zahlreiche Eigenschaften überprüft:

  • Passgenauigkeit
  • Montagefähigkeit
  • Funktion
  • Oberflächenqualität
  • Maßhaltigkeit
  • Belastbarkeit

Werden hierbei Abweichungen festgestellt, können Konstruktion oder Werkzeug noch gezielt angepasst werden.

7. Validierung und Prüfung

Insbesondere bei technischen Produkten reicht eine Sichtprüfung nicht aus. Je nach Einsatzgebiet werden zusätzliche Prüfungen durchgeführt:

  • Lebensdauerprüfungen
  • Temperaturtests
  • Klimaprüfungen
  • Vibrationsprüfungen
  • Schaltkraftmessungen
  • Materialanalysen
  • elektrische Prüfungen
  • optische Prüfungen

Durch diese Validierung in unserem eigenen Prüf- und Testlabor wird sichergestellt, dass das Produkt nicht nur unter Laborbedingungen, sondern auch unter realen Einsatzbedingungen zuverlässig funktioniert. Bereits während der Entwicklungsphase können mechanische, klimatische und funktionale Eigenschaften überprüft und Konstruktionen gezielt optimiert werden.

8. Serienfertigung

Mit der Freigabe des Werkzeugs beginnt die Serienproduktion.

Nun stehen vor allem Prozessstabilität, Qualitätssicherung und Wirtschaftlichkeit im Mittelpunkt.

Erst wenn alle Prozessschritte zuverlässig aufeinander abgestimmt sind, entsteht eine wirtschaftliche Serienfertigung mit konstant hoher Qualität.

Moderne Spritzgießprozesse arbeiten dabei mit eng überwachten Fertigungsparametern, um eine gleichbleibend hohe Produktqualität sicherzustellen. Dazu gehören:

  • Materialtrocknung
  • Prozessüberwachung
  • Werkzeugwartung
  • Qualitätskontrolle
  • Stichprobenprüfung
  • Rückverfolgbarkeit

Fazit

Die Entwicklung eines Kunststoffteils endet nicht mit dem CAD-Modell. Erst das Zusammenspiel aus Anforderungsanalyse, Materialauswahl, fertigungsgerechter Konstruktion, DFM, Werkzeugbau, Validierung und Serienfertigung führt zu einem Bauteil, das sowohl technisch als auch wirtschaftlich überzeugt.

Je früher Entwicklung, Konstruktion und Fertigung gemeinsam betrachtet werden, desto geringer sind Änderungsaufwand, Werkzeugkosten und Projektrisiken. Genau deshalb begleiten wir bei N&H Technology unsere Kunden bereits in der frühen Entwicklungsphase – von der ersten Idee bis zur serienreifen Lösung.

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