EMV- und ESD-gerechte Gehäusekonstruktionen

Kunststoffgehäuse zuverlässig gegen elektromagnetische Störungen schützen

Elektronische Geräte arbeiten heute mit immer höheren Taktraten und werden gleichzeitig in zunehmend anspruchsvollen Umgebungen eingesetzt. Elektromagnetische Störungen (EMV) und elektrostatische Entladungen (ESD) können dabei die Funktion elektronischer Baugruppen beeinträchtigen oder im schlimmsten Fall zu Ausfällen führen. Bereits während der Entwicklung eines Kunststoffgehäuses sollten daher geeignete Maßnahmen berücksichtigt werden, um empfindliche Elektronik zuverlässig zu schützen.

Da Kunststoffe elektrisch isolierend sind, bieten sie von Natur aus keine elektromagnetische Abschirmung. Soll ein Kunststoffgehäuse EMV-Anforderungen erfüllen oder vor elektrostatischen Entladungen schützen, müssen Gehäusekonstruktion, Werkstoff und Abschirmkonzept gezielt aufeinander abgestimmt werden.

Was bedeuten EMV und ESD?

Obwohl beide Begriffe häufig gemeinsam genannt werden, beschreiben sie unterschiedliche Anforderungen. Eine durchdachte Gehäusekonstruktion berücksichtigt beide Aspekte bereits in der frühen Entwicklungsphase.

BegriffBeschreibung
EMV (Elektromagnetische Verträglichkeit)Stellt sicher, dass ein Gerät weder unzulässige elektromagnetische Störungen verursacht noch durch äußere Störfelder in seiner Funktion beeinträchtigt wird.
ESD (Electrostatic Discharge)Bezeichnet die plötzliche Entladung statischer Elektrizität, die empfindliche elektronische Bauteile dauerhaft beschädigen kann.

Warum benötigen Kunststoffgehäuse besondere Maßnahmen?

Metallgehäuse bieten aufgrund ihrer elektrischen Leitfähigkeit bereits eine natürliche Abschirmung gegen elektromagnetische Felder. Kunststoffgehäuse besitzen diesen Vorteil nicht. Elektromagnetische Wellen können das Gehäuse nahezu ungehindert durchdringen und dadurch elektronische Baugruppen beeinflussen.

Je nach Anwendung sind deshalb zusätzliche Maßnahmen erforderlich. Besonders häufig betrifft dies folgende Einsatzbereiche:

  • Industrieelektronik
  • Steuergeräte
  • HMI-Bediengeräte
  • Medizintechnik
  • Kommunikationssysteme
  • Mess- und Regeltechnik
  • Automotive
  • Lade- und Batteriesysteme

Möglichkeiten zur EMV-Abschirmung

Je nach Anforderungen stehen unterschiedliche Verfahren zur Verfügung. Die Auswahl hängt unter anderem von den EMV-Vorgaben, der Gehäusegeometrie, den Stückzahlen und den Fertigungskosten ab.

VerfahrenVorteileTypische Anwendungen
Leitlack-BeschichtungWirtschaftlich, hohe Abschirmwirkung, nachträglich aufbringbarIndustriegehäuse, Steuergeräte
VakuummetallisierungSehr hohe Leitfähigkeit, gleichmäßige BeschichtungHochwertige Elektronikgehäuse
Leitfähige KunststoffeAbschirmung direkt im Bauteil integriertAutomotive, Spezialanwendungen

Leitlack-Beschichtung

Eine der wirtschaftlichsten Lösungen besteht darin, die Gehäuseinnenseite mit einem leitfähigen Lack zu beschichten. Dieser enthält elektrisch leitfähige Partikel, beispielsweise auf Silber-, Kupfer- oder Nickelbasis. Dadurch entsteht eine geschlossene leitfähige Oberfläche, die elektromagnetische Störungen zuverlässig abschirmt. Gleichzeitig eignet sich dieses Verfahren auch für komplexe Gehäusegeometrien und kann nachträglich aufgebracht werden.

Vakuummetallisierung

Bei höheren Anforderungen kommt häufig eine Vakuummetallisierung zum Einsatz. Dabei wird eine sehr dünne Metallschicht auf die Gehäuseinnenseite aufgebracht, wodurch eine besonders gleichmäßige und hochwertige Abschirmung entsteht.

Leitfähige Kunststoffe

Alternativ können bereits während des Spritzgießens elektrisch leitfähige Kunststoffe eingesetzt werden. Durch leitfähige Füllstoffe wie Kohlenstofffasern oder Metallpartikel erhält das gesamte Bauteil leitfähige Eigenschaften. Diese Lösung eignet sich insbesondere für spezielle Industrieanwendungen.

EMV-geschütztes Kunststoffgehäuse mit leitfähiger Innenbeschichtung zur elektromagnetischen Abschirmung elektronischer Baugruppen
Kunststoffgehäuse mit EMV-Abschirmung durch leitfähige Innenbeschichtung

Elektrische Kontaktierung sicherstellen

Eine leitfähige Beschichtung allein reicht häufig nicht aus. Erst wenn Ober- und Unterteil des Gehäuses elektrisch miteinander verbunden werden, entsteht eine nahezu geschlossene Abschirmung. Bereits kleine Unterbrechungen können die EMV-Wirkung deutlich reduzieren.

Je nach Konstruktion kommen unterschiedliche Kontaktierungselemente zum Einsatz:

  • Federkontakte
  • EMV-Fingerkontakte
  • leitfähige Dichtungen
  • Kontaktfedern
  • Schraubverbindungen mit leitfähigen Kontaktflächen

Gehäusefugen und Öffnungen richtig auslegen

Neben dem Gehäusematerial beeinflussen insbesondere Gehäusefugen und Öffnungen die elektromagnetische Verträglichkeit. Breite Spalte oder lange Öffnungen können elektromagnetische Strahlung abstrahlen oder aufnehmen und dadurch die Abschirmwirkung erheblich verschlechtern.

Bereits während der Konstruktion sollten deshalb Gehäusefugen möglichst kurz gehalten, gleichmäßige Spaltmaße vorgesehen und umlaufende leitfähige Kontaktflächen eingeplant werden. Ebenso sollten Lüftungsschlitze, Kabeldurchführungen, Steckverbinder und Displayöffnungen hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die elektromagnetische Abschirmung bewertet werden.

ESD-Schutz bereits in der Konstruktion berücksichtigen

Neben der elektromagnetischen Verträglichkeit spielt auch der Schutz vor elektrostatischen Entladungen eine entscheidende Rolle. Bereits vergleichsweise geringe elektrostatische Spannungen können empfindliche elektronische Bauteile dauerhaft beschädigen.

Ein wirksames ESD-Konzept berücksichtigt deshalb geeignete Werkstoffe, leitfähige Oberflächen, definierte Erdungskonzepte sowie die kontrollierte Ableitung statischer Ladungen. Besonders Bediengeräte mit häufigem Benutzerkontakt profitieren von einer frühzeitigen ESD-Optimierung.

EMV bereits während der Entwicklung berücksichtigen

Die spätere Nachrüstung einer EMV-Abschirmung ist häufig mit erheblichem Aufwand verbunden. Deshalb sollte das Abschirmkonzept bereits während der Entwicklung gemeinsam mit Elektronikentwicklung, Mechanikkonstruktion und Werkzeugbau abgestimmt werden.

Dabei empfiehlt es sich insbesondere die folgenden Punkte in der Tabelle frühzeitig zu bewerten.

KonstruktionsbereichZu prüfen
LeiterplattenPosition empfindlicher Baugruppen
SteckverbinderAbschirmung und Kontaktierung
KabelverlegungFührung und Erdung
GehäusefugenSpaltmaße und Kontaktflächen
AbschirmkonzeptLeitlack, Metallisierung oder leitfähiger Kunststoff
ErdungKontrollierte Ableitung statischer Ladungen

EMV- und ESD-Prüfung

Vor dem Serienstart wird überprüft, ob das Gehäuse alle geforderten Normen erfüllt. Dabei kommen je nach Anwendung verschiedene Prüfverfahren zum Einsatz.

PrüfungZiel
EMV-StöraussendungEinhaltung gesetzlicher Grenzwerte
StörfestigkeitVerhalten gegenüber elektromagnetischen Feldern
ESD-PrüfungSchutz vor elektrostatischen Entladungen
Burst- und Surge-TestPrüfung transienter Störungen
HF-EinstrahlungVerhalten bei Hochfrequenzfeldern

Typische Konstruktionsfehler

Viele EMV-Probleme haben ihren Ursprung bereits in der Konstruktionsphase. Zu große Gehäusespalte, unterbrochene Kontaktflächen oder fehlende leitfähige Verbindungen zwischen den Gehäuseteilen verringern die Abschirmwirkung erheblich. Auch ungünstig platzierte Leiterplatten, unzureichend abgeschirmte Steckverbinder oder eine ungeeignete Werkstoffauswahl beeinträchtigen die elektromagnetische Verträglichkeit und können zu Störungen oder Ausfällen elektronischer Baugruppen führen.

KonstruktionsfehlerMögliche Auswirkungen
Zu große GehäusespalteVerminderte Abschirmwirkung
Unterbrochene KontaktflächenEMV-Leckagen
Fehlende elektrische VerbindungUnterbrechung des Faradayschen Käfigs
Ungünstige LeiterplattenpositionErhöhte Störanfälligkeit
Fehlendes ErdungskonzeptUnzureichender ESD-Schutz

Best Practices

Eine zuverlässige EMV- und ESD-gerechte Gehäusekonstruktion entsteht bereits während der Entwicklung. Die folgenden Konstruktionsregeln haben sich in der Praxis bewährt:

  • EMV-Anforderungen bereits im Lastenheft definieren.
  • Abschirmkonzept frühzeitig festlegen.
  • Gehäusefugen möglichst kurz und gleichmäßig ausführen.
  • Leitfähige Kontaktflächen zuverlässig verbinden.
  • Steckverbinder und Kabeldurchführungen gezielt abschirmen.
  • ESD-Schutz bereits in der Konstruktion berücksichtigen.
  • Elektronik, Mechanik und Werkzeugbau gemeinsam entwickeln.
  • Gehäuse vor Serienstart nach den relevanten EMV- und ESD-Normen prüfen.

Engineering-Tipp

Eine zuverlässige EMV- und ESD-Lösung entsteht nicht durch eine einzelne Maßnahme, sondern durch das Zusammenspiel aus Gehäusekonstruktion, Abschirmkonzept, Werkstoffauswahl und elektrischer Kontaktierung. N&H Technology entwickelt und fertigt kundenspezifische Kunststoffgehäuse, bei denen Konstruktion, EMV-Abschirmung und ESD-Schutz optimal auf die jeweilige Anwendung abgestimmt sind.

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