Werkzeuggerechte Konstruktion im Spritzguss

Kunststoffteile wirtschaftlich für die Serienfertigung entwickeln

Warum entscheidet der Werkzeugbau über den Produkterfolg?

Die Konstruktion eines Kunststoffteils endet nicht mit einem funktionsfähigen CAD-Modell. Ein Bauteil kann alle technischen Anforderungen erfüllen und dennoch ungeeignet für eine wirtschaftliche Serienfertigung sein. Deshalb unterscheiden erfahrene Kunststoffkonstrukteure zwischen einer funktionsgerechten und einer werkzeuggerechten Konstruktion.

Während sich die funktionsgerechte Konstruktion auf die Aufgaben des Bauteils konzentriert, berücksichtigt die werkzeuggerechte Konstruktion zusätzlich den gesamten Herstellungsprozess – vom Werkzeugbau über den Spritzgießprozess bis hin zur Montage und Qualitätssicherung.

Ein Kunststoffteil sollte deshalb niemals isoliert betrachtet werden. Es ist immer Teil eines Gesamtsystems aus Werkstoff, Werkzeug, Maschine und Fertigungsprozess. Bereits kleine konstruktive Änderungen können Werkzeugkosten, Zykluszeit und Bauteilqualität erheblich beeinflussen.

Das Spritzgusswerkzeug bestimmt die Wirtschaftlichkeit

Im Spritzguss wird das Werkzeug nur einmal gefertigt, produziert anschließend jedoch oft mehrere hunderttausend oder sogar Millionen identische Bauteile. Jeder konstruktive Fehler vervielfacht sich deshalb mit jedem produzierten Teil.

Schon eine um eine Sekunde längere Zykluszeit kann bei großen Stückzahlen mehrere hundert zusätzliche Maschinenstunden pro Jahr verursachen. Eine werkzeuggerechte Konstruktion ist daher immer auch eine wirtschaftliche Konstruktion.

Das Werkzeug beeinflusst unter anderem:

  • Bauteilqualität
  • Maßhaltigkeit
  • Oberflächenqualität
  • Zykluszeit
  • Werkzeuglebensdauer
  • Automatisierungsgrad
  • Produktionskosten

Der Konstrukteur entwickelt auch das Werkzeug

Erfahrene Entwickler betrachten nicht nur das Bauteil, sondern denken bereits während der Konstruktion an dessen spätere Fertigung.

Typische Fragestellungen sind:

  • Wo verläuft die Trennebene?
  • Kann das Bauteil ohne Schieber entformt werden?
  • Wo befinden sich Hinterschneidungen?
  • Wie wird das Werkzeug gekühlt?
  • Wo sitzen Anspritzpunkt und Auswerfer?
  • Sind alle Bereiche gut zugänglich?

Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, entsteht ein wirklich seriengerechtes Produkt.

Werkzeugkomplexität minimieren

Eine der wichtigsten Aufgaben bei der Konstruktion von Spritzgussteilen besteht darin, die Komplexität des späteren Werkzeugs möglichst gering zu halten. Ein einfach aufgebautes Werkzeug ist in der Regel kostengünstiger, robuster und prozesssicherer als eine komplexe Konstruktion mit zahlreichen beweglichen Werkzeugkomponenten.

Bereits kleine Änderungen an der Bauteilgeometrie können den Werkzeugaufbau erheblich vereinfachen und dadurch sowohl die Investitionskosten als auch die späteren Produktionskosten reduzieren.

Die folgenden Abschnitte erläutern diese Konstruktionsprinzipien im Detail und zeigen, wie sich durch eine werkzeuggerechte Auslegung Werkzeugkosten, Zykluszeiten und Wartungsaufwand nachhaltig reduzieren lassen.

Zu den wichtigsten Einflussfaktoren auf die Werkzeugkomplexität gehören:

  • Lage und Verlauf der Trennebene
  • Anzahl der Hinterschneidungen
  • Schieber und Kernzüge
  • Position des Anspritzpunktes
  • Kühlbarkeit des Werkzeugs
  • Anzahl beweglicher Werkzeugkomponenten

Werkzeuggerechte Konstruktion auf einen Blick

KonstruktionsmerkmalAuswirkung auf den Werkzeugbau
Gleichmäßige WandstärkenKürzere Kühlzeiten, geringerer Verzug und höhere Maßhaltigkeit
Ausreichende EntformungGeringere Entformkräfte und weniger Werkzeugverschleiß
Großzügige RadienVerbesserter Materialfluss und reduzierte Spannungsspitzen
Einfache TrennebeneGeringere Werkzeugkosten und einfachere Werkzeugkonstruktion
Wenige HinterschneidungenWeniger Schieber und Kernzüge sowie geringere Werkzeugkomplexität
Geeigneter AnspritzpunktGleichmäßige Werkzeugfüllung und weniger Bindenähte bzw. Verzug
Gute KühlbarkeitKürzere Zykluszeiten und stabile Prozessbedingungen

Die Trennebene frühzeitig festlegen

Jedes Spritzgusswerkzeug besteht mindestens aus zwei Werkzeughälften. Die Trennebene bestimmt, wie das Bauteil gefertigt und entformt werden kann. Gleichzeitig beeinflusst sie den Werkzeugaufbau, die Sichtflächen sowie die spätere Gratbildung.

Eine einfache und möglichst ebene Trennebene reduziert:

  • Werkzeugkosten
  • Fertigungsaufwand
  • Wartungskosten
  • Verschleiß
  • Fehlerrisiken

Praxisvergleich

Variante AVariante B
einfache Trennebenemehrere Hinterschneidungen
zweiteiliges WerkzeugSchieber und Kernzüge erforderlich
geringe Werkzeugkostendeutlich höhere Werkzeugkosten
kurze Zykluszeitlängere Zykluszeit
geringer Wartungsaufwandhöherer Wartungsaufwand

Bereits kleine Änderungen an der Bauteilgeometrie können den Werkzeugaufbau erheblich vereinfachen.

Hinterschneidungen vermeiden

Hinterschneidungen verhindern das direkte Entformen eines Bauteils und machen zusätzliche Werkzeugbewegungen erforderlich. Obwohl sich solche Geometrien mit geeigneten Werkzeugkonzepten realisieren lassen, sollten sie nur eingesetzt werden, wenn sie funktional unverzichtbar sind. Jede vermiedene Hinterschneidung vereinfacht den Werkzeugaufbau, senkt die Herstellungskosten und erhöht die Prozesssicherheit.

Typische Beispiele für Hinterschneidung sind:

  • Rastnasen
  • Haken
  • seitliche Öffnungen
  • Verriegelungen
  • Querbohrungen

Schieber und Kernzüge nur wenn notwendig

Jede zusätzliche Werkzeugbewegung erhöht die Komplexität eines Spritzgusswerkzeugs. Schieber, Kernzüge, hydraulische Zylinder, Schrägauswerfer oder Gewindekerne ermöglichen zwar die Fertigung anspruchsvoller Geometrien, erhöhen jedoch gleichzeitig den konstruktiven und fertigungstechnischen Aufwand.

Mit jeder zusätzlichen beweglichen Werkzeugkomponente steigen in der Regel:

  • die Werkzeugkosten,
  • die Zykluszeit,
  • der Wartungs- und Instandhaltungsaufwand,
  • der Verschleiß beweglicher Bauteile sowie
  • das Risiko von Störungen im Fertigungsprozess.

Schieber und Kernzüge sollten daher nur eingesetzt werden, wenn sie für die Funktion des Bauteils zwingend erforderlich sind. Häufig lässt sich bereits durch kleine Änderungen an der Bauteilgeometrie oder der Trennebene auf zusätzliche Werkzeugbewegungen verzichten und ein deutlich einfacheres Werkzeug realisieren.

Den Anspritzpunkt frühzeitig berücksichtigen

Die Position des Anspritzpunktes sollte nicht erst während der Werkzeugkonstruktion festgelegt werden. Bereits in der Bauteilkonstruktion ist es sinnvoll, geeignete Bereiche für den Anschnitt vorzusehen und diese mit dem Werkzeugbau abzustimmen. Der Anspritzpunkt beeinflusst maßgeblich das Füllverhalten der Kunststoffschmelze und damit die Qualität des fertigen Bauteils.

Je nach Position können unter anderem folgende Eigenschaften beeinflusst werden:

  • Materialfluss
  • Schwindung
  • Verzug
  • Bindenähte
  • Oberflächenqualität
  • Entlüftung
  • Füllverhalten

Ein optimal positionierter Anspritzpunkt sorgt für eine gleichmäßige Werkzeugfüllung, reduziert innere Spannungen und verbessert die Maßhaltigkeit des Bauteils. Gleichzeitig lassen sich Ausschuss, Nacharbeit und Zykluszeiten reduzieren.

Kühlung bestimmt die Zykluszeit

Die Kühlphase macht beim Spritzgießen häufig den größten Anteil der gesamten Zykluszeit aus und hat damit einen entscheidenden Einfluss auf die Wirtschaftlichkeit der Serienfertigung. Je gleichmäßiger ein Bauteil gekühlt werden kann, desto kürzer fallen die Zykluszeiten aus und desto stabiler läuft der Fertigungsprozess.

Bereits während der Konstruktion sollte daher darauf geachtet werden, dass alle Bauteilbereiche gut gekühlt werden können. Materialanhäufungen, überdimensionierte Rippen, massive Schraubdome oder ungünstige Geometrien erschweren die Wärmeabfuhr und verlängern die Abkühlzeit. Da sich die Zykluszeit in der Regel nach dem zuletzt abgekühlten Bereich richtet, können selbst kleine lokale Materialverdickungen die Wirtschaftlichkeit der gesamten Serienfertigung deutlich beeinträchtigen.

Eine gut ausgelegte Kühlung trägt dazu bei:

  • die Zykluszeit zu verkürzen,
  • Verzug und Maßabweichungen zu reduzieren,
  • eine gleichmäßige Schwindung zu erzielen,
  • die Maßhaltigkeit zu verbessern und
  • stabile Prozessbedingungen sicherzustellen.

Konstruktionsentscheidungen beeinflussen den Werkzeugbau

Bereits kleine Änderungen an der Bauteilgeometrie können den Aufbau eines Spritzgusswerkzeugs erheblich beeinflussen. Konstruktionsmerkmale wie gleichmäßige Wandstärken, ausreichende Entformungsschrägen oder eine einfache Trennebene tragen dazu bei, Werkzeugkosten zu reduzieren und eine stabile Serienfertigung zu ermöglichen. Umgekehrt führen unnötige Hinterschneidungen, Materialanhäufungen oder komplizierte Werkzeugbewegungen häufig zu höheren Investitionskosten, längeren Zykluszeiten und einem erhöhten Wartungsaufwand.

Die folgende Übersicht zeigt, wie typische Konstruktionsmerkmale den Werkzeugbau und die Wirtschaftlichkeit eines Spritzgussprojekts beeinflussen.

KonstruktionsmerkmalAuswirkung auf den Werkzeugbau
Gleichmäßige WandstärkenKürzere Kühlzeiten, geringerer Verzug und stabilere Prozesse
Ausreichende EntformungsschrägenEinfachere Entformung und geringerer Werkzeugverschleiß
Großzügige RadienBesserer Materialfluss und geringere Spannungsspitzen
Einfache TrennebeneNiedrigere Werkzeugkosten und einfacherer Werkzeugaufbau
Wenige HinterschneidungenWeniger Schieber und Kernzüge, geringerer Wartungsaufwand
Geeigneter AnspritzpunktGleichmäßige Werkzeugfüllung und reduzierte Bindenähte
Gute KühlbarkeitKürzere Zykluszeiten und höhere Maßhaltigkeit
Wenige bewegliche WerkzeugteileHöhere Prozesssicherheit und längere Werkzeuglebensdauer

Best Practices

  • Trennebene frühzeitig festlegen
  • Hinterschneidungen kritisch hinterfragen
  • Werkzeugbewegungen minimieren
  • Anspritzpunkt bereits im CAD berücksichtigen
  • Kühlbarkeit mitdenken
  • Werkzeugbau früh in die Entwicklung einbeziehen
  • Konstruktion gemeinsam mit Werkzeugkonstrukteuren optimieren

Praxisbeispiel

Ein Kunde entwickelte ein Gehäuse mit sechs seitlichen Rastnasen. Die erste Werkzeugkonstruktion sah sechs Schieber vor. Durch eine gemeinsame Überarbeitung der Bauteilgeometrie konnten die Rastnasen in Entformungsrichtung ausgerichtet werden. Das Werkzeug benötigte anschließend nur noch zwei Schieber. Dadurch reduzierten sich die Werkzeugkosten deutlich, die Zykluszeit verkürzte sich und gleichzeitig sank der Wartungsaufwand.

Welcher Werkzeugtyp ist der richtige?

Nicht jedes Spritzgusswerkzeug ist für denselben Einsatzzweck ausgelegt. Bereits in der frühen Projektphase sollte festgelegt werden, ob lediglich Prototypen benötigt werden oder eine langfristige Serienfertigung geplant ist. Die Wahl des Werkzeugkonzepts beeinflusst Investitionskosten, Lieferzeit, Werkzeuglebensdauer und Bauteilqualität.

WerkzeugtypTypische StückzahlEigenschaften
Prototypenwerkzeugbis ca. 5.000 Teilekurze Lieferzeit, geringe Investitionskosten, ideal für Funktionsmuster und erste Tests; hohe Stückkosten, geringe Standzeit
Vorserienwerkzeugca. 5.000–20.000 Teilegeeignet für Erprobung, Pilotserien und Markteinführung; Risiko der Doppelinvestition, wenn später Serie benötigt wird
Serienwerkzeugab ca. 20.000 Teilehohe Standzeit, maximale Prozesssicherheit, niedrigste Stückkosten, wirtschaftliche Fertigung großer Stückzahlen

Die tatsächliche Auslegung hängt neben der Stückzahl auch vom verwendeten Werkstoff, den Qualitätsanforderungen und der geplanten Produktionsdauer ab. In vielen Projekten beginnt die Entwicklung mit einem Prototypenwerkzeug, bevor anschließend ein optimiertes Serienwerkzeug gefertigt wird.

Werkzeugstahl und Standzeit

Die Wahl des Werkzeugmaterials hat einen entscheidenden Einfluss auf Lebensdauer (Standzeit), Wartungsaufwand und Bauteilqualität. Während für Prototypen häufig Aluminium oder vorvergütete Werkzeugstähle eingesetzt werden, bestehen Serienwerkzeuge in der Regel aus gehärteten Werkzeugstählen.

WerkzeugmaterialVorteileTypische Anwendung
Aluminiumkurze Fertigungszeit, geringe WerkzeugkostenPrototypen, Muster und Kleinserien
Vorvergüteter Werkzeugstahlgute Bearbeitbarkeit, mittlere StandzeitVorserien und mittlere Stückzahlen
Gehärteter Werkzeugstahlhohe Verschleißfestigkeit und lange LebensdauerSerienwerkzeuge für große Stückzahlen

Besonders glasfaserverstärkte Kunststoffe oder stark gefüllte Materialien verursachen einen erhöhten Werkzeugverschleiß. In diesen Fällen sind gehärtete Werkzeugstähle häufig wirtschaftlicher, da sie deutlich längere Standzeiten ermöglichen und die Wartungsintervalle verlängern.

Werkzeugkosten richtig bewerten

Die Werkzeugkosten stellen häufig den größten einmaligen Investitionsposten eines Spritzgussprojekts dar. Dennoch sollten sie nicht isoliert betrachtet werden. Entscheidend sind die Gesamtkosten über den gesamten Produktlebenszyklus.

Ein auf den ersten Blick günstiges Werkzeug kann durch längere Zykluszeiten, häufige Wartungen oder erhöhten Ausschuss langfristig deutlich höhere Produktionskosten verursachen. Umgekehrt amortisiert sich ein hochwertiges Serienwerkzeug häufig bereits nach wenigen Produktionsjahren durch eine höhere Prozessstabilität und geringere Stückkosten.

Bei der Werkzeugauslegung sollten deshalb folgende Faktoren berücksichtigt werden:

  • geplante Produktionsmenge
  • verwendeter Kunststoff
  • Bauteilgeometrie
  • Qualitätsanforderungen
  • erwartete Werkzeugstandzeit
  • Automatisierungsgrad
  • spätere Wartungs- und Instandhaltungskosten

Frühzeitige Zusammenarbeit spart Kosten

Die wirtschaftlichsten Spritzgussprojekte entstehen, wenn Produktentwicklung, Werkzeugbau und Fertigung bereits in der frühen Konstruktionsphase eng zusammenarbeiten. Viele spätere Werkzeugänderungen lassen sich vermeiden, wenn Trennebene, Entformung, Anspritzpunkt, Kühlung und Werkzeugkonzept von Beginn an gemeinsam betrachtet werden.

Bereits kleine konstruktive Anpassungen können die Anzahl beweglicher Werkzeugkomponenten reduzieren, die Kühlbarkeit verbessern oder eine einfachere Entformung ermöglichen. Dadurch sinken sowohl die Werkzeugkosten als auch die späteren Produktionskosten.

Engineering-Tipp von N&H:
Der Werkzeugbau sollte nicht erst nach Abschluss der Konstruktion einbezogen werden. Die größten Einsparpotenziale entstehen bereits während der Produktentwicklung. Durch die frühzeitige Abstimmung von Bauteilgeometrie, Werkzeugkonzept und Fertigungsprozess lassen sich Werkzeugkosten, Zykluszeiten und spätere Änderungsaufwände nachhaltig reduzieren.

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